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Margit Rohan

Diagnose: schizoaffektiv (Textauszug)

Depression ...

Zu Hause ging es mir bereits am sechsten Tag nach der Entlassung wieder schlechter, ich brachte das Frühstück nur über mich, weil ich die Aussicht hatte, mich gleich danach wieder ins Bett zu legen und in den Schlaf und die wohltuenden Träume zu flüchten, in denen mich ein gesundes und handlungsfähiges Ich erwartete. Erst abends schaffte ich es, für etliche Stunden durchgehend auf zu bleiben … Schließlich musste ich sogar mittags vor dem Essenkochen kapitulieren. Mein Mann nahm sich dessen an und mich quälten gleichzeitig noch mehr Gefühle der eigenen Unfähigkeit.



"Der Schatten" - Frühjahr 2008


Manie ...

... ich stieg mit meinem Rucksack und Miss Punkie aus und machte mich zu Fuß auf den Weg Richtung Cadaqués. Mein Ziel war der Aufenthaltsort von Salvador Dalí, den ich genial fand und bewunderte. Ich lief Serpentinen über gebirgiges Gelände entlang - einsam, aber frohen Mutes. Schließlich erreichte ich einen aus dem Boden gestampften Urlaubsort, der einer gigantischen Geisterstadt glich, weil ich außerhalb der Saison unterwegs war - Anfang Januar 1987. Ich wanderte durch die verlassenen Straßen. Als die Sonne schien, wurde mir mein gefütterter Wintermantel zu warm. Ich zog ihn aus und legte ihn über den Arm. Nun waren auf der Straße auch Autos unterwegs. Ich hielt den Daumen hoch um mitfahren zu können. Ein Autofahrer hielt an, doch als er mein Meerschweinchen bemerkte, lehnte er vehement ab.

Später hatte ich mehr Glück: Zwei Männer in einem Jeep stoppten und nahmen mich mit. Sie fragten mich, aus welchem Land ich käme. Damals hatte ich - ursprünglich blond - schwarz  gefärbte Haare und ich ließ die beiden einfach raten. Sie meinten schließlich, ich käme aus Italien. Da klärte ich sie über meine Herkunft auf - ihr Lachen überschüttete mich. Sie waren unterwegs zu dem Aufenthaltsort ihrer Kollegen, die auf freier Flur das Mittagessen bei offenem Feuer brieten. Sie luden mich zum Mittagessen ein. Es waren Eisenbahnarbeiter, die einen eigenen Waggon bewohnten. Als ich mich zum Essen zu ihnen gesellte, boten sie mir auch Wein aus einem Bocksbeutel an. Sie demonstrierten, wie sie den Wein direkt in den Mund spritzen konnten und wollten, dass ich es nachmachte. Zu ihrer aller Belustigung ging das Meiste daneben ...




Macht der Erinnerung (1989, Ausschnitt)

Psychose ...

... ohne noch auf irgendwelche Verkehrsregeln zu achten, preschte ich auf meinem Mountainbike nach Hause. Als ich dort war, war es mir unmöglich, in Ruhe nach meinem Schlüsselbund zu kramen. Solange ich draußen war, war ich der Macht des Bösen ausgesetzt - es konnte mich immer noch erreichen mit dem unbedingten Willen, mich zu vernichten! Ich läutete also Sturm bei einer Nachbarin - es muss ca. 2:30 Uhr gewesen sein. Aufgescheucht und fassungslos machte sie mir auf. Drinnen in meiner Wohnung vernichtete ich erst einmal gründlich die Bilder von der Mumie. Ich kriegte auch danach natürlich kein Auge zu. Der Gedanke an Schlaf war absurd. Ich wartete ungeduldig bis die nächsten Stunden verstrichen waren. Sobald es 5:30 Uhr war, fuhr ich mit meinem Fahrrad los, in die Arbeit. Ich musste irgendwie zu meinen Kollegen kommen, nur da konnte ich mich sicher fühlen, von meiner Wohnung aus war ja die Macht der dunklen Mumie, die ich gezeichnet hatte, ausgegangen - sie hatte mich schließlich inmitten der Stadt fast gestellt.

Im Postamt verhielt ich mich so wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Ich musste meinen knappen Sieg über das Böse, meinen Triumph zeigen. So warf ich gesammelte Briefe aus den Fenstern des Verteilersaals - es sollte eine Demonstration meines Sieges für die Außenwelt sein - die Dämonen würden es sofort verstehen! Es wurden Durchsagen gemacht, die besagten, dass Post aus den Fenstern geworfen würde. Wer den Urheber beobachtet habe, solle sich melden. Bald kamen Vorgesetzte auf mich und mein Steckregal zu - ich ergriff die Flucht, stürmte Treppenabsätze hinunter. Fast hatten sie mich, sie hielten mich an meiner Lederjacke fest, ich aber entledigte mich ihrer und ließ sie zurück ...